Darmstadt: Im Eingangsbereich der Abteilung Erd- und Lebensgeschichte im Landesmuseum Darmstadt herrscht konzentrierte Stille. Präparator David Kuhlmann und Restauratorin Mascha Siemund arbeiten millimetergenau am wohl berühmtesten Exponat des Hauses: dem Darmstädter Mastodon. Das urzeitliche Riesentier erhält neue Stoßzähne, gefertigt nicht aus Elfenbein oder Holz, sondern im 3D-Drucker.
Der Austausch war nötig geworden, weil die bisherigen Nachbildungen im Ansatz Risse zeigten. Für Museumskurator Oliver Sandrock ist der Schritt konsequent: „Die neuen Stoßzähne sind technisch auf dem neuesten Stand.“ Gefertigt aus einem speziellen Kunststoff, wiegt jede Replik gerade einmal vier Kilogramm. Als digitale Vorlage dienten Original-Stoßzähne eines Mammuts aus den USA, deren Form und Dimensionen präzise auf das Darmstädter Skelett übertragen wurden.
Die „Zahnbehandlung“ findet direkt vor Ort statt. Zunächst entfernen die Restauratoren alte Schaumreste aus den Schädelöffnungen. Danach werden die neuen Stoßzähne lose eingesetzt, auf einem Träger ausgerichtet und schließlich mit einem Zweikomponenten-Schaum fixiert. Übergänge werden geglättet, nach dem Trocknen folgt die farbliche Anpassung. Das Ergebnis soll sich harmonisch in das Gesamtbild einfügen – technisch präzise, optisch unaufdringlich.
Ein Fossil mit Weltgeschichte
Obwohl das Mastodon seit 1854 in Darmstadt beheimatet ist, liegt seine Herkunft jenseits des Atlantiks. Der US-amerikanische Maler und Museumsgründer Charles Willson Peale ließ die Knochen 1801 im Bundesstaat New York ausgraben und hielt den spektakulären Fund in einem Gemälde fest. Das montierte Skelett schrieb Geschichte: Es war das erste aufrecht präsentierte Fossil seiner Art in den USA und erst das zweite weltweit.
Zu den prominenten Bewunderern zählten der Naturforscher Alexander von Humboldt und der damalige US-Präsident Thomas Jefferson, der die Ausstellung im Philadelphia Museum förderte. Über London gelangte das Mastodon schließlich nach Darmstadt, wo Johann Jakob Kaup es für das Großherzogliche Museum erwarb.
Stillgestanden hat das Fossil seither nicht. 2020 wurde es für eine Humboldt-Ausstellung in das Smithsonian American Art Museum nach Washington verschifft. Pandemiebedingt verzögerte sich die Rückkehr; erst Anfang 2022 stand das Mastodon wieder in Darmstadt. Kurz darauf widmete ihm das Museum die Sonderausstellung „American Heiner – Ein Mammut macht Geschichte“.
Original und Rekonstruktion
So monumental das Exponat wirkt, vollständig original ist es nicht. Rund die Hälfte der Knochen stammt tatsächlich aus der Eiszeit. Der Rest ist ein kunstvoller Mix aus historischen Ergänzungen und modernen Rekonstruktionen. Besonders bemerkenswert: Ein hinterer Oberschenkel besteht aus geschnitztem Kirschholz, eine handwerkliche Arbeit aus dem 19. Jahrhundert, die sich nahtlos einfügt.
Auch die neuen Stoßzähne folgen diesem Prinzip der Zurückhaltung. Statt elfenbeinweiß entschied man sich für einen mittelbraunen Ton. „Stoßzähne können je nach Einbettungsmilieu sehr unterschiedliche Farben annehmen“, erklärt Sandrock. Hell, dunkel oder fast schwarz, alles sei möglich.
Am Ende zeigt sich der Kurator zufrieden. Die neuen Zähne wirken stimmig, modern und zugleich respektvoll gegenüber der Geschichte des Fossils. Ein Stück Urzeit, getragen von neuester Technik – und bereit für die nächsten Generationen von Museumsbesuchern.
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